Ursprung und Entwicklung der Rektoratschule Oelde

Wer sich mit der Geschichte der Realschule befasst, muss sich bewusst machen, dass man von der Realschule im 19. Jahrhundert nicht reden kann, sondern eher von Formen stabiler Realschultypen. Dies gilt strenggenommen bis zur Jahrhundertwende. Viele städtische Schulen mit Lateinklassen, wie auch die Oelder Rektoratschule, wurde im Laufe der Jahre in Realschulen oder auch (Real-) Gymnasien umgewandelt. So unterschied man vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund einer klaren Regelung zwischen Realanstalten mit Latein- und ohne Lateinunterricht. An die Teilnahme am Lateinunterricht waren u.a. verschiedene Berechtigungen verknüpft, wie beispielsweise ein verkürzter Militärdienst oder der Übergang auf ein Gymnasium. Die Betonung der naturwissenschaftlichen Fächer (Realien) oder auch die neueren Sprachen (Englisch, Französisch) blieben davon unberührt.

Die "ältere" Geschichte der Rektoratschule Oelde erfährt in diesem Beitrag eine besondere Würdigung. Die historische Schwerpunktsetzung auf die Entstehung und Entwicklung der Rektoratschule von ihren Anfängen, über das Kaiserreich, die Weimarer Zeit, die Phase des Nationalsozialismus und die unmittelbare Nachkriegszeit erhält ihre Legitimation vor allem dadurch, dass die letzte Festschrift zur 125-Jahrfeier diesen Zeitraum völlig außer acht gelassen hat.

Bernhard Hast
Bernhard Hast

So wie in ganz Preußen war auch in Oelde in der Mitte des letzten Jahrhunderts das öffentliche Schulwesen noch recht schwach ausgeprägt. Vielfach lagen Erziehung und Unterricht in den Händen privater oder kirchlicher Träger. Vor dem Jahr 1848 existierte in Oelde keine höhere Schule. Einzelne Privatinitiativen zur Erziehung und Unterricht, die über das Maß der Elementarbildung hinausgingen, können durchaus als Vorläufer der Rektoratschule angesehen werden.

Verbürgt und in vielen Veröffentlichungen festgehalten ist das Jahr 1849 als das Gründungsjahr der höheren Knabenschule und späteren Rektoratschule. Im Jahre 1848 erwarb der Geistliche Bernhard Hast, bis dahin Privatlehrer in Stromberg, die "Lehrbefähigung" zur Erteilung von Privatunterricht. Ein Jahr später eröffnete er seine höhere Privatschule in Oelde. Dies geschah in Verbindung mit einem Schulverein von elf Mitgliedern aus Oelde und Umgebung. Binnen kurzer Zeit besuchten mehr als 25 Schüler seine Bildungsanstalt. Als zusätzliche Lehrer wurden Vikar Tigges und der Elementarlehrer Hyacinth Kolbeck aus Tecklenburg eingestellt. Aufnahme in die Schule fanden zunächst nur solche Schüler, die die Elementarschule erfolgreich durchlaufen hatten. Die Schule war als "Privatunternehmen" von der kirchlichen Behörde anerkannt. Erste Klassenzimmer fanden sich in dem Vikarie-Gebäude und dem Rathaus. Als Miete zahlte jeder Schüler später drei Mark pro Semester. Das Schulgeld betrug für jeden Schüler 16 Thaler. In dieser frühen Zeit schwankte die Schülerzahl von 16 bis zu 28 Schüler. Die privatfinanzierte Bildungsanstalt litt jedoch ständig unter Geldschwierigkeiten, so dass bereits im Jahr 1869 die Schule mit städtischen Mitteln unterstützt werden musste, oder man lief Gefahr, dass die einzige höhere Bildungsanstalt in Oelde schließen musste. Durch die relativ gute Akzeptanz seitens der Oelder Bevölkerung kamen die Oelder Stadtvertreter nicht gänzlich umher, sich an den Kosten zur Unterhaltung der Rektoratschule zu beteiligen.


1874

Die vollständige Übernahme der Schule durch die Stadt Oelde erfolgte dann im Jahre 1880. Sie übernahm die komplette Besoldung der Lehrer und stellte die Schulräume im Rathaus zur Verfügung. Trotz der kommunalen Kostenübernahme blieb die Leitung der Schule weiterhin in den Händen der Geistlichkeit.

Ein Blick auf die Statuten der Rektoratschule zu Oelde aus dem Jahre 1880, die von der Stadtverordnetenversammlung am 1. Oktober des gleichen Jahres abgesegnet wurden, gibt Aufschluss über die Arbeit und Ziele der Rektoratschule in dieser Zeit.

§ 1
Der Zweck der Schule ist:
1. Ergänzung und Erweiterung der Elementarbildung für solche Schüler, welche sich höheren Studien nicht widmen wollen, namentlich nur tüchtige Heranbildung für das gewerbliche, kaufmännische und landwirtschaftliche Fach und
2. Vorbereitung für die mittleren Klassen des Gymnasiums oder der Realschule.

§ 3
Die Schüler haben sich die erforderlichen Schreibutensilien und Bücher selbst zu besorgen. Für die sonstigen Lehrmittel sorgt das Kuratorium der Schule.

§ 5
Mit dem Eintritt in die Schule übernimmt jeder Schüler freiwillig die Verpflichtung, sich allen Bestimmungen und Einrichtungen derselben unbedingt zu unterwerfen; insbesondere verpflichtet er sich, seinen Lehrern stets willigen Gehorsam und Ehrerbietung entgegen zu bringen. Während der Unterrichtsstunden muß sich der Schüler ordentlich und ruhig verhalten, den Anordnungen der Lehrer pünktlich Folge leisten, die ihm aufgetragenen Arbeiten ausführen und sich unerlaubten Sprechens enthalten.

Das Lehrerkollegium bestand in dieser frühen Phase aus dem Rektor Vikar Winkler, Elementarlehrer Linnemann, dem Kandidaten der höheren Lehranstalten Soemer sowie dem Vikar Dr. Gildemeister von Haus Geist, der einige Unterrichtsstunden übernahm. Von Soemer berichtet die Chronik, dass er als "Oelder Professor", den "Titel" verliehen ihm die Oelder Bürger, 42 Glas Starkbier "vertragen" konnte. Soemer wartete als sogenannter "Dreier-Philologe" in Oelde auf seine Anstellung, da es zu dieser Zeit einen Überfluss an Philologen gab. Später kam noch der wissenschaftliche Hilfslehrer Sager hinzu, ebenfalls ein "Dreier-Philologe", der seine befristete Anstellung an der Rektoratschule in Oelde ebenfalls als Parkplatz interpretierte.

Foto altes Schulgebäude

Der relativ große Personalbestand, die Lehrer-Schülerrelation betrug zu diesem Zeitpunkt ca. 1 zu 10, hielt sich jedoch nicht allzu lange. Von 1883 bis 1885 unterrichteten lediglich der Schulleiter Vogt und der Lehrer Soemer an der Schule. Dies musste natürlich Auswirkungen auf die Unterrichtsorganisation und Unterrichtsdurchführung haben, zumal die Schülerfrequenzen mehr und mehr zunahmen. Die Rektoratschule erfuhr immer mehr Akzeptanz in der Oelder Bevölkerung und in der Stadtverwaltung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts betrug die Schülerzahl bereits stolze 96 im Jahre 1896. Die Zahl von 100 Schülern wurde dann erstmals im Jahr 1917 mit 105 Schülern überschritten.

Mit dem Eintritt des neuen Schulleiters Termöllen, natürlich ebenfalls Geistlicher, begann eine neue Ära in der Geschichte der Rektoratschule Oelde. Die bisherige provisorische Unterbringung der Schule in einigen Zimmern des Rathauses reichte nun bei gestiegener Schülerzahl nicht mehr aus. Dem neuen Rektor Termöllen kam bei seinem Wunsche nach einem eigenen Schulgebäude ein glücklicher Umstand zu Hilfe. Das Rathaus wurde im April 1890 abgerissen und die Stadtverordnetenversammlung genehmigte einstimmig, wie die Chronik vermerkt, das neue Schulhaus. Bedingt durch den Abriss wurde der Unterricht provisorisch im alten Gesellenhaus gegeben, bis im Oktober 1890 bereits das neue Schulgebäude bezogen werden konnte.

Bis zur Jahrhundertwende verzeichnete das Lehrerkollegium der Rektoratschule eine relativ hohe Fluktuation, ohne jedoch die Anzahl der Lehrer, zumeist waren es 2-5 Lehrer, grundlegend zu verändern. Dies lag in erster Linie daran, dass in Zeiten der Lehrerarbeitslosigkeit viele anstellungslose Lehrer ihre Wartezeit in kirchlichen oder privaten Bildungsanstalten zu verkürzen suchten. Diese hohe Fluktuationsrate hatte natürlich Auswirkungen auf die Gestaltung des Stundenplanes und auf die Unterrichtsinhalte. Für den jeweiligen Schulleiter der Rektoratschule war es nicht immer einfach, adäquaten Ersatz zu finden. So gab es zeitweise Engpässe in Latein oder auch Griechisch, welches, insbesondere vor der Jahrhundertwende, nicht durchgehend unterrichtet werden konnte.

Mit der Ernennung des bisherigen Schulleiters Termöllen zum Pfarrer von Kirchhellen geriet die Rektoratschule in Oelde in ihre erste wirkliche Krise. Man hatte sich zwar auf einen Nachfolger, Pfarrer Engelkamp aus Billerbeck, geeinigt, allerdings konnte

(...) "der Genannte aber infolge von Verpflichtungen der Billerbecker Schule gegenüber das ihm gebotene Amt nicht übernehmen (...), und da bei der Königl. Regierung kein Nachfolger des früheren Rektors in Oelde angemeldet wurde, erfolgte von Seiten der Kgl. Regierung die Auflösung der Oelder Privat=Rektoratschule."
An diesem Beispiel wird deutlich, dass die eigentliche Privatanstalt ihren privaten Charakter schon längst verloren hatte und der Einfluss der Königlichen Regierung zu Münster groß war. Allerdings umschiffte die Rektoratschule auch diese schwierige Klippe, so dass die in den Sommerferien geschlossene Anstalt bereits wieder am 13. September 1900 unter der Leitung des neuen Schulleiters Adolf Engelkamp eröffnet werden konnte.