Die Rektoratschule im Kaiserreich

Einen großen Anteil am Schulleben der Rektoratschule in dieser Zeit hatten auch die außerunterrichtlichen Aktivitäten. So feierte man zum Beispiel während der gesamten Wilhelminischen Zeit an Kaisers Geburtstag, am Sedantag oder an Jubelfeiern des Königreiches Preußen intensiv im Kreise der Schüler und der Elternschaft. Mit Gottesdiensten, Darbietungen des Schulchores, Vorträgen der Schüler in Latein und Griechisch, turnerischen Darbietungen oder auch Aufmärschen durch die Stadt beging die Rektoratschule diese nationalen Festtage. Die nationalpolitischen Feiertage waren für das Schulleben, vor allem im Kaiserreich, ein bedeutender Pfeiler und boten der Schule eine gute Möglichkeit der Selbstdarstellung und Präsentation, die auch von der Oelder Bevölkerung, wie die Chroniken ausweisen, gerne angenommen wurden. Nicht nur in Oelde dienten solch deutschnationale Jubelfeiern selbstverständlich lediglich der Öffentlichkeitsarbeit, sondern hatten durchaus auch systemstabilisierenden Charakter.

Desweiteren wurden bereits kurz nach der Jahrhundertwende, quasi als Vorläufer der obligatorischen Spielnachmittage, die Schüler der Rektoratschule zu einem Wettmarschieren verpflichtet. Als Beispiel soll an dieser Stelle aus dem Schuljahr 1913/14 ein solcher Wettkampf dargestellt werden.

Wettmarschieren am Nachmittag. Zu drei Gruppen marschierten die Schüler und zwar die Größten! Oelde - Stromberg- Heiringhoff, Hesseler- Oelde, ca. 15 km. Der Weg wurde zurückgelegt von Ludwig Höner (III a) in 1 St. u. 42 Minuten, von Herm. Schwarte (III a) in 1 St. u. 45 Minuten.
Die Mittelstufe (ca. 12 km, Oelde - Böckenförde - Disselhoff, Provinzialstr. - Oelde; Sieger: Leo Westhoff) und die "Kleinen" (ca. 8 km, rund um Oelde; Sieger: Sudholt) hatten ähnliche Strecken zu bewältigen. Die schleichende Militarisierung des Zivillebens im Wilhelminischen Kaiserreich machte auch vor der Unterrichtsgestaltung der Rektoratschule Oelde nicht halt. So berichtet der Schuljahresbericht aus dem Schuljahr 1913/14(!) von obligatorischen Kriegsspielen der Schule am Nachmittage. Beispielsweise sollten die Schülern der IIIa unter der Leitung des Lehrers Möller die Ostenfelder Chaussee (hinter dem Geisterholze) durchbrechen, die von Schülern und Lehrern der unteren Klassen gesichert war.

In das Bild deutschnationaler Erziehung und Beeinflussung passt auch der folgende Auszug aus einer gedruckten Schulbroschüre der Rektoratschule, die sich mit dem Verhalten und Erscheinungsbild der Schüler innerhalb und außerhalb der Schule befasst. Dabei können diese "Mitteilungen an die Eltern der Schüler" durchaus als heimlicher Lehrplan der Rektoratschule angesehen werden, die hier auszugsweise vorgestellt werden sollen. Sie geben einen interessanten Einblick in die damaligen Erziehungsvorstellungen der Wilhelminischen Zeit und in die immense Einflussnahme der Oelder Rektoratschule auf die Freizeit und das Familienleben der Eltern und Schüler. Leider ist das Erscheinungsjahr dieses Maßnahmenkatalogs nicht mehr genau zu ermitteln gewesen, allerdings lässt sich an der Fundstelle der Akten eine zeitliche Einordnung treffen. Vermutlich ist diese Schrift, die an alle Schüler und Eltern verteilt wurde, kurz nach der Jahrhundertwende erschienen.

August Fockenbrock
August Fockenbrock

Mitteilungen an die Eltern der Schüler!
1. Für das häusliche Studium ist von jeher seitens der Schule die Zeit
von 5 bis 7 Uhr ("Silentium")
festgesetzt worden, und zwar an allen Tagen der Woche, mit Ausnahme des Sonntags, also auch am Samstag. In diesen 2 Stunden soll der Schüler, von ganz dringenden Fällen abgesehen, das Haus nicht verlassen.
5. Die Nachmittage sind in der Regel frei von Unterricht. (...) In der freien Zeit sollen die Schüler, wenn sie nicht etwa zu häuslichen Arbeiten herangezogen werden, möglichst sich spielend im Freien aufhalten, nicht auf den Straßen umherschlendern oder vor den Schaufenstern hocken.

(...) Von der Schule gestattet sind alle Arten des Ballspielens mit Ausnahme des Fußballspieles. Letzteres ist, wenn es maßlos und regellos gespielt wird, für Körper und Geist nicht zuträglich. Das Fußballspiel ist von der Schule nur an einem bestimmten Nachmittage der Woche gestattet, wenn die Eltern ihre schriftliche Genehmigung erteilen. An diesem Nachmittage darf Fußball gespielt werden unter Aufsicht eines Lehrers.

7. Rektoratschüler dürfen nach § 8,5 der Schulordnung draußen nicht rauchen, ohne Begleitung der Eltern keine Wirtshäuser besuchen; ferner ist ihnen der Besuch von Theatern, Schaustellungen, Kinos und dergl. nur gestattet, wenn auch die Schule ihre Genehmigung erteilt.
8. Dringend werden die Eltern gebeten, doch dafür zu sorgen, daß die Schüler abends rechtzeitig schlafen gehen. Knaben, die erst gegen 10 Uhr zu Bett gehen, sind in der Schule schläfrig und leisten wenig.

(...) Der Aufenthalt außerhalb des Hauses (auf der Straße) ist unsern Schülern im Sommer nach 9 Uhr nicht mehr gestattet. Im Winter haben die Schüler nach Eintritt der Dunkelheit, die Straße zu meiden.


Tatsächlich gab es wiederholt Klagen darüber, dass trotz des Fußballverbotes verschiedene Rektoratschüler in Oelde immer wieder Fußball spielten. So lautete ein Bericht des hiesigen Polizeisergeanten König an Rektor Fockenbrock, der doch tunlichst dafür sorgen sollte, dass die Rektoratschüler sich an dieses Verbot halten sollten.

Ein weiterer Markstein in der Geschichte der Oelder Rektoratschule beschreibt das Jahr 1902. Mit Einverständnis der Königlichen Regierung in Münster erhielt die Stadt Oelde die Genehmigung, eine nunmehr öffentliche Rektoratschule zu errichten. Damit beschrieb diese administrative Anordnung aus Münster allerdings lediglich den vorhandenen Status Quo. Bereits ein Jahr zuvor hatte die Oelder Stadtvertretung mit Schreiben vom 18. Februar 1901 um eine solche Genehmigung gebeten. Im Zuge dieser Umstrukturierung musste sich die Rektoratschule auf Anordnung des Oberpräsidiums von Westfalen einer Revision unterziehen. Geheimrat Heckelmann und Geheimrat Schulz prüften in allen Klassen. Das Ergebnis dieser Schulrevision war das Prädikat befriedigend. Damit waren auch die formalen Voraussetzungen geschaffen, um eine öffentliche Anstalt zu werden. Da die Stadt Oelde alleine für die Unterhaltung und Besoldung der Schule bzw. Lehrer aufkommen musste, war die Umstrukturierung von einer privaten zu einer öffentlichen Bildungsanstalt fast zwingend. Darüber hinaus gestaltete sich nun der Übergang zu einem öffentlichen Gymnasium wesentlich leichter, zumal sich die Rektoratschule Oelde immer auch als eine Zubringerschule verstand. Am 9. Juli 1910 übertrug das Provinzialschulkollegium in Münster, nach einer neuerlichen Revision, dem Direktor Dr. van Royen in Rietberg die schultechnische Aufsicht und die damit verbundene Abhaltung der Abschlussprüfung in der Rektoratschule. Dieser verwaltungstechnische Vorgang ermöglichte es der Rektoratschule, die Bezeichnung "Höhere Schule" zu führen. Im Volksmund allerdings und im Selbstverständnis der Schule sahen sie sich immer schon als eine höhere Lehranstalt. Die Abschlussprüfungen der Obertertianer, die nun im eigenen Hause abgehalten werden konnten, nahm dann später ab dem 1. Juli 1921 der Direktor des Realgymnasiums in Ahlen Dr. Schmitz ab.

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs bekam auch die Rektoratschule zu spüren. Beispielsweise klagte Rektor Fockenbrock in einem internen Bericht der Rektoratschule im Kriege über die hohe Lehrerfluktuation. Von Ostern 1914 bis Ostern 1919 unterrichteten an der Schule 15 Lehrer. Eine Klasse hatte in fünf Jahren sechs Lateinlehrer. Der Schulleiter war der einzige Lehrer, der ohne Unterbrechung in diesem Zeitraum unterrichtete. Der Unterrichtsplan konnte nicht so eingehalten werden wie geplant. Unterrichtsausfälle im Zeichnen, Schreiben, Natur und vor allem im Turnen konnten nicht kompensiert werden und wurden in dieser Zeit ganz gestrichen. Der Mangel an geeigneten Lehrkräften konnte einigermaßen aufgefangen werden, indem die Rektoratschule interessierte Volksschullehrer zeitweise beschäftigte. Allerdings klagte der Rektor Fockenbrock in einer Eingabe vom 11. Juni 1919 an die Stadt und den Schulvorstand über die fehlende Akademisierung seines Lehrpersonals. So berichtete er, dass von seinen sechs Lehrern lediglich vier Akademiker sind und die notwendigen Fremdsprachen nicht oder nur teilweise unterrichtet werden könnten.

Desweiteren musste die Schule im Februar 1917 ganz geschlossen werden, da aufgrund des Kohlemangels und der Kälte die Schulräume nicht mehr zu heizen waren. Um diesen Missstand zu beheben, richtete Rektor Fockenbrock in dieser Zeit Schichtunterricht ein. Es wurden lediglich zwei Klassenzimmer beheizt, in denen dann schichtweise morgens und nachmittags unterrichtet wurde (Tertia und Quarta morgens, Sexta und Quinta nachmittags). Rektor Fockenbrock berichtet aus dieser Zeit, dass

"(...) Die meisten Schüler, im Winter alle, kamen mit Holzschuhen zur Schule, weil Lederschuhe nicht aufzutreiben waren."

Abschlußzeugnis Sudholt 1915 Abschlußzeugnis Sudholt 1915

Bemerkenswert ist das besondere Engagement des Rektors Fockenbrock im Bereich der Kriegerfürsorge im Ersten Weltkrieg. So wurden allein von Weihnachten 1914 bis Weihnachten 1918 und darüber hinaus an die Gefangenen und Soldaten im Feld 125.000 (!) Briefe verschickt, eine von Rektor Fockenbrock herausgegebene Heimatzeitung "Bote aus der Heimat" für die Oelder Soldaten versandt und ca. 25.000 Pakete abgeschickt. Großen Anteil an dieser Aktion hatten die Rektoratschüler, die, auch während der Unterrichtszeit, Briefe schrieben oder auch Geld zur Finanzierung dieser Aktion sammelten. So wurde für diesen Zweck die unglaubliche Summe von 100.000 Mark in Stadt - und Land Oelde gesammelt. An diesen Sammlungen beteiligten sich auch die Schülerinnen der höheren Mädchenschule intensiv.

Viele ehemalige Schüler, die als Soldaten im Krieg standen, hielten gerade in dieser Zeit Kontakt zu ihrer alten Rektoratschule. In zahlreichen Briefen bedankten sie sich bei Rektor Fockenbrock über die Oelder Kriegerfürsorge. An dieser Stelle soll auszugsweise ein Brief eines ehemaligen Schülers vorgestellt werden, der von der Westfront seinem ehemaligen Schulleiter geantwortet hat.

Sehr geehrter Herr Rektor! 14.III.18
Die letzten Ruhetage vor dem großen Sturm, der nun bald hier im Westen beginnen soll, möchte ich dazu benutzen, Ihnen, sehr geehrter Herr Rektor, für alles zu danken, was Sie durch die Oelder Kriegerfürsorge mir und meinen lieben Oelder Kameraden Gutes und Angenehmes verschafft haben, und bis zum hoffentlich nahen Frieden noch verschaffen werden. Wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt, hat sicherlich schon das furchtbare Strafgericht begonnen, das über unsere erbitterten Feinde hier im Westen hereinbrechen soll. (...)
Noch einmal vielen Dank u. herzl. Gruß

Ihr alter Schüler
Gerhard Altenau

Gerhard Altenau starb einen Tag später am 15. März 1918 in der Schlacht, von der er in dem Brief berichtete.

Die enge Verbindung der Rektoratschule mit ihren Schülern, auch mit den Ehemaligen, birgt eine gewisse Konstanz, die sich bis in die Gegenwart erfreulicherweise erhalten hat.

Kaisergeburtstag Festveranstaltung im Kriege