75 Jahre Rektoratschule in Oelde

Die 75-Jahrfeier der Rektoratschule am 13. Oktober 1924 beschreibt einen weiteren Eckpfeiler in der Geschichte der Realschule. In der Presse groß angekündigt und in der Oelder Öffentlichkeit bestens angenommen, beging man dieses Jubiläum mit einer großen Festveranstaltung. Die Begrüßungsfeier und der Hauptfesttag lag in den Händen von Rektor Fockenbrock, der in seiner Rede einen Rückblick und eine aktuelle Bestandsaufnahme der Arbeit der Rektoratschule gab. Als Beispiel soll an dieser Stelle ein Auszug der Festrede wiedergegeben werden.
" (...) Die Rektoratschule ist eine Schule für die ganze Bevölkerung. Aus allen Kreisen und Bevölkerungsklassen haben wir Schüler. Irgend eine Bevorzugung dieses oder jenes Standes kennen wir nicht. Dasselbe gilt für die Konfessionen. Natürlich ist die weitaus größte Zahl der Schüler katholisch, ebenso sämtliche Lehrer. Daß diese Tatsache aber jemals auf die Behandlung der wenigen nichtkatholischen Schüler eine für diese nachteilige Wirkung gehabt hat, hat uns bis jetzt noch niemand nachsagen können. Wie es bisher war, so wird es bleiben."
Tatsächlich besuchten sowohl protestantische als auch jüdische Schüler bis dahin die Rektoratschule, wie die Akten ausweisen. An der Rektoratschule unterrichteten zu diesem Zeitpunkt (1926) folgende Lehrkräfte:
Leiter:
Lehrer:
Rektor Fockenbrock (Geistlicher)
Stud. Assessor Chr. Rose
Stud. Assessor Frz. Hüntmann
Rektoratschullehrer Alb. Robert
Geistl. Lehrer J. Roeloffzen
Kand. d. höheren Lehramtes F. Böhmer

Foto Micheel 75 Jahrfeier
zur 75 Jahr-Feier

In einer Art Bestandsaufnahme klagte allerdings Rektor Fockenbrock in einem Schreiben vom 5. August 1926 über die viel zu kleinen Räumlichkeiten, die sich zwar in einem tadellosen Zustand befänden, aber für die aktuelle Schülerzahl (99 Schüler) viel zu klein wäre.
Ganz positiv äußerte er sich über die materiellen Rahmenbedingungen. Für den naturwissenschaftlichen Unterricht war eine stattliche Sammlung von Vögeln (fast 100), Präparaten, Käfern und Schmetterlingen vorhanden, für den Unterricht in Mechanik und Wärmelehre eine große Auswahl an Apparaten zur experimentellen Darstellung. Für den anthropologischen Unterricht waren zahlreiche verschiedene Anschauungsmittel wie Skelett, zerlegbarer Oberkörper, Hirn , Tafeln für den Blutkreislauf, Nervensystem, Auge und Ohr vorhanden. Eine ansehnliche Sammlung war auch für den Geschichts- und Erdkundeunterricht vorhanden. Die Schülerbibliothek umfasste über 500 Bücher, die Lehrerbibliothek rund 500. Diese für damalige Verhältnisse relativ gute materielle Ausstattung war letztendlich ein Ergebnis des städtischen Oelder Engagements, die die Rektoratschule seit der Übernahme stets bestens versorgte. Dies beweisen zahlreiche Eingaben des jeweiligen Schulleiters an die Oelder Stadtverwaltung und die fast immer prompte Bewilligung seitens der Stadt.

Die überaus enge Verbindung der Rektoratschule mit der Stadt beschreibt auch ein Lied zum 75-jährigen Bestehen der Oelder Rektoratschule. Dieses Lied, von einem unbekannten Verfasser (X.W.?) getextet, stellt in humorvoller Art und Weise die Rektoratschule, deren Schüler und die Oelder Bevölkerung in dieser Zeit vor.

Treu zur Schule, treu zur Stadt

Strömt herbei, ihr Schülerscharen,
Kommt herbei von nah und weit.
Alle, die ihr hier vor Jahren
Habt gelebt in Lust und Leid
Wo man euch im Rektorate
Weisheit eingetrichtert hat;
Denn in Oelde`s kleinem Staate
Findet Jubiläum statt.

Manche von uns machten stöhnen
Math`matik, Latein wohl auch,
Mancher konnt sich nicht gewöhnen
An der alten Griechen Brauch.
Wie im Dampfbad sah man schwitzen
Manche wegen Missetat.
Aber all, die heut hier sitzen,
Denken gern der Musenstadt.

Denn in Oelde, unserem Städtchen,
Blühte stets die Wissenschaft.
Hier gedeih`n auch frische Mädchen,
Doch schon`s Ansehen wurd bestraft!
Durft der Blick auch nur verstohlen
Zu den zarten Mädchen hin,
Sagen alle unverhohlen:
Heut noch sind sie uns im Sinn.

Und die Schul, die Jubeltante,
Ist jetzt fünfundsiebzig,
Doch nicht wie `ne Gouvernante
Schämig tut und ziert sie sich.
Nein, sie freut sich ihrer Jahre;
Denn um sie ist`s gut bestellt.
Und das ist das Wunderbare:
Sie bleibt jung auf dieser Welt.

Im Zuge einer neu konzipierten Schulreform in der Weimarer Republik erhielt auch die Oelder Rektoratschule neue gesetzliche Grundlagen. Ab dem 1. Juni 1925 galt nun, dass als Grundform eine sechsstufige Mittelschule, die auf der vierjährigen Grund- bzw. Volksschule aufbaute. Sie verlieh die Mittlere Reife und ermöglichte den Übergang auf die Höhere Handelsschule, Maschinenbau- und Landwirtschaftsschule. Weiterhin blieb die Möglichkeit bestehen, zum Gymnasium zu wechseln, was die enge Kooperation mit dem Ahlener Gymnasium gerade in die Zeit dokumentierte. Der Übergang von der Rektoratschule zu einem Gymnasium bzw. Realgymnasium war in der Tat nicht selten Von 1911 bis 1937 bestanden beispielsweise 197 Schüler die Prüfung und wurden mit dem Zeugnis der Reife für die Untersekunda eines Gymnasiums entlassen. Zum Gymnasium in Beckum wechselten in diesen 26 Jahren 92 Schüler und zum Realgymnasium in Ahlen wechselten 105 Schulabgänger. Von seiten der Rektoratschule wurden gerade diese Abgangszahlen als Beweis ihrer Effektivität gesehen und tauchen beispielsweise in den Schuljahresberichten durchweg als Beleg ihrer guten Arbeit immer wieder auf.

Obertertia Ostern 1931
Obertertia Ostern 1931