Die Rektoratschule im Nationalsozialismus

Auch die Rektoratschule blieb von der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht verschont. Als äußeres Zeichen wurde erst einmal die Hakenkreuzfahne gehisst und zahlreiche neue nationalsozialistischen Feierlichkeiten behinderten den Unterricht. So musste zum Beispiel der Unterricht sehr zum Leidwesen des Schulleiters Fockenbrock am Tage er Reichstagseröffnung am 21. März 1933 ausfallen, Stattdessen versammelten sich alle Schüler und Lehrer, um die Eröffnungsfeier und die Ansprachen Hindenburgs und Hitlers zu hören. Diese Unterrichtsbehinderungen waren dann im weiteren Verlauf der Schule an der Tagesordnung. So mussten sich beispielsweise alle Schüler und Schülerinnen der Stadt an einem großen Umzug beteiligen (ca. 300 Teilnehmer), um dann am Horst Wessels-Platz (ehemals "Sommers-Wiese") eine "Hitler-Eiche" zu pflanzen.

Maigang nach Sünninghausen
Maigang nach Sünninghausen 1934

Schulausflug nach Ostenfelde 1934
Schulausflug nach Ostenfelde 1934

Im Schuljahr 1934/35 trat der bisherige Leiter der Rektoratschule August Fockenbrock in den Ruhestand. Die vorläufige Leitung wurde dem Rektoratschullehrer Johannes Roeloffzen übertragen. Mit der Übergabe der Urkunde zum festbestellten Schulleiter am 30. Juni 1935 übernahm Johannes Roeloffzen die Leitung der Schule in dieser schwierigen Zeit. Die nationalsozialistische Einflussnahme auf das tägliche Unterrichtsgeschehen griff immer mehr um sich. Mit der Einführung des Staatsjugendtages am 30. Juli 1934 und der fortschreitenden Einflussnahme der Hitlerjugend sah sich der Schulleiter Roeloffzen mit neuen Schwierigkeiten konfrontiert. So wurde beispielsweise in Oelde vereinbart, dass die Schüler der HJ-Bewegung, und zwar zunächst nur das Jungvolk und seine Führer, am Sonnabend unterrichtsfrei haben. Der Sonnabend, vorher voller Unterrichtstag, wurde derart umgestaltet, dass zwei Stunden "nationalsozialistischer" Unterricht und drei Stunden Leibesübungen erteilt wurden. Themen dieses nationalpolitischen Unterrichts waren beispielsweise Rasse und Volkstum: "Die im deutschen Volk vorherrschenden Rassen oder Führertum und Gefolgschaft".

Die bisher im Stundenplan für den Samstag angesetzten Stunden wurden auf die fünf ersten Wochentage verteilt. Diese Vereinbarung zwischen Schule und Hitlerjugend beinhaltete auch, dass die Schüler der obersten Klasse nicht vom Unterricht befreit waren. Damit waren Schwierigkeiten und Konfrontationen zwischen Schule und HJ vorprogrammiert. Beispielsweise weigerte sich der neue Schulleiter Roeloffzen Schüler der oberen Klassen für den HJ-Dienst freizustellen, was mehrere Briefwechsel zwischen ihm der örtlichen Parteileitung und der HJ eindrucksvoll belegen. Die nationalsozialistischen Werbeaktionen zum Eintritt in die Hitlerjugend hatten zunächst relativ bescheidenen Erfolg an der Rektoratschule. Von 47 Schülern der Klassen VI bis UIII gehörten Ende 1934 lediglich rund 46,8% dem Jungvolk an. Zwei Jahre später warb der Unterbannführer in der Rektoratschule, um mehr Schüler in die Staatsjugend zu bekommen. Mit der Aufhebung des Staatsjugendtags am 4. Dezember 1936 durch Ministererlass entfiel der nationalpolitische Unterricht am Sonnabend und der Schulleiter Roeloffzen merkte in der Chronik erleichtert an,

(...) " dass wieder lehrplanmäßiger Unterricht für alle Schüler am Sonnabend ist."
Die Unterrichtsinhalte an der Rektoratschule waren von der faschistischen Umgestaltung nur am Rande betroffen. So wurde beispielsweise für die Tertia das Fach Flugzeugmodellbau verbindlich mit zwei Wochenstunden in den Stundenplan aufgenommen. Die notwendige Fortbildung erhielt der Rektor Roeloffzen an der Technischen Staatslehranstalt in Köln.

Foto Modellbau 1935 a

Foto Modellbau 1935 b

Die Rektoratschule konnte sich der massiven Einflussnahme der Nationalsozialisten nicht länger entziehen. Die Rektoratschüler besuchten beispielsweise die rassebiologische Wanderausstellung "Erbgut und Rasse im Deutschen Volk". Solche außerunterrichtliche Aktivitäten waren in der damaligen Zeit keine Seltenheit.

Als Beispiel sollen die zahlreichen Aktivitäten der Rektoratschule im Schuljahr 1937/38 aufgeführt werden, welche einen illustrativen Einblick in das damalige Schulleben bieten:

Gedenktage, Schulfeiern u.s.w.:
13.4.37Beginn des neuen Schuljahres
20.4.37Schulfeier anläßlich des Geburtstages des Führers
25.4.37Versammlung der Eltern der Sextaner
8.5.37Schulfeier zum Muttertag
13.5 - 21.5.37Pfingstferien
12.6.37Pflichtfilm für die Schule "Jugend der Welt" und "Sport und Soldaten"
26.6.37Die Schule besucht mit einem Sonderzug die Ausstellung "Deutsches Volk" in Düsseldorf
21.7 - 31.8.37Sommerferien
3.9.37Schulpflichtfilmveranstaltung "Der Verräter"
18.9.37Die Lehrer gedenken im Unterricht des Tages des Deutschen Volkstums
27.9.37Mussolini und der Führer kommen durch Oelde, Lehrer und Schüler versammeln sich auf dem Bahnsteig.
9.10. - 13.10.37  Herbstferien
14.10.37Die Schule besucht die Ausstellungen der Oelder Werbewoche.
10.11.37Schulpflichtfilm "Wolkenstürmer"
26.11.37Im Deutschunterricht wird des Dichters von Eichendorff gedacht (80. Todestag)
1.12.37Studiendirektor Plate besucht die Anstalt zur Besichtigung der Obertertia und bespricht mit dem Lehrerkollegium die Änderung des Unterrichtsplanes.
2.12.37Rektor Roeloffzen nimmt teil an der Beerdigung des Schulrates Schröter
12.12. - 7.1.38Weihnachtsferien
12.1.38Die Obertertia besucht die Aufführung "Minna von Barnhelm" im Stadttheater in Bielefeld
18.1.38Pflichtfilm für die Schule "Sonnenberg"
29.1.38Feierstunde anläßlich der 5. Wiederkehr des Tages der Machtergreifung.
9.3.38Gedenkstunde: 50-jähriger Todestag Kaiser Wilhelm I
12.3.38Heldengedenkfeier
14.-19.3.38In den Deutsch- und Geschichtsstunden wird fortlaufend der Vorgänge in Österreich gedacht.
16.3.38Schulfeier zur Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich. Schulfrei
24.3.38Abschlußprüfung für die Obertertia.
25.3.38Elternabend
31.3.38Schluß des Schuljahres
Die Abschlussprüfungen ergaben ein ähnliches Bild. So konnten die Schüler in der Abschlussprüfung im Deutschaufsatz folgende Themen wahlweise behandeln: Deutsches Heldentum in diesem Kriege (1940, 5. Klasse), Nationalsozialistisches Gedankengut in Schillers "Wilhelm Tell" (1939, Obertertia). Allerdings schienen die Lehrkräfte der Rektoratschule von der faschistischen Machtübernahme nicht sehr überzeugt gewesen zu sein, da kein Lehrer der Städtischen Realschule Oelde Mitglied der NSDAP war. Dies geht aus einem Antwortschreiben des Schulleiters Roeloffzen hervor, der einen Fragebogen über die Mitgliedschaft der Beamten und Lehrer zur NSDAP ausfüllen musste. Die Festschrift zur 100-Jahrfeier merkt dazu an:
"Die jeweiligen Kreisleiter, aber auch die örtlichen Parteifunktionäre haßten ihn und waren ständig bemüht, ihn (Roeloffzen Anm. d. Verf.) zu beseitigen und damit der Schule den angestammten Charakter zu nehmen, den er - oft meisterhaft getarnt - zu wahren verstand. Diese Tarnung war ihm nur dadurch möglich, daß das ganze Lehrerkollegium mit ihm an einem Strick zog. Unter seinen Lehrer und Lehrerinnen fand sich Gott Dank kein Verräter."
Dabei war im gesamten Deutschen Reiche ein gegenläufiger Trend festzumachen. Beamte und vor allem die Berufsgruppe der Lehrer waren am stärksten in den nationalsozialistischen Parteiorganisationen vertreten.

Johannes Roloeffzen
Johannes Roloeffzen

Die sogenannten Gesinnungsfächer Deutsch, Geschichte, Biologie oder auch der Turnunterricht, wurden allerdings an der Rektoratschule im nationalsozialistischen Sinne nur vereinzelt missbraucht. Auch in dieser Hinsicht erwies sich die Rektoratschule in Oelde relativ resistent gegen die nationalsozialistischen Übergriffe. Ein Blick in die alten Klassenbücher aus dieser Zeit belegt diese These eindrucksvoll. Durchgängig bis zum totalen Zusammenbruch wurde beispielsweise das Fach Englisch (!) unterrichtet. Auch die übrigen für eine nationalsozialistische Instrumentalisierung prädestinierten Unterrichtsfächer wurden wie immer erteilt, ohne dass irgendwelche nationalsozialistischen Einflüsse deutlich erkennbar waren.

Im Schuljahr 1937/38 wurde laut Ministererlass in der Sexta nicht länger mit Latein, sondern mit Englisch begonnen. Die Chronik berichtet, dass die Elternschaft diese Änderung sehr begrüßte. In diesem Schuljahr wurde zum Leidwesen des Schulleiters Roeloffzen zum letzten Mal der Griechischunterricht angeboten.

Das Schuljahr 1939/40 beschreibt einen weiteren Eckpfeiler in der Geschichte der Rektoratschule. Mit Genehmigung des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung wurden die Rektoratschule und die höhere Mädchenschule in Oelde in eine grundständige Mittelschule zusammengelegt. Dies war letztlich eine logische Folge der engen Zusammenarbeit zwischen den beiden höheren Lehranstalten in Oelde. Die Kooperation sah in erster Linie so aus, dass seit 1924 durchgängig Lehrkräfte der Rektoratschule an der höheren Mädchenschule unterrichteten. Beispielsweise übernahm der damalige Studienassessor Christoph Rose Ostern 1925 den Mathematikunterricht und der damalige Konrektor Roeloffzen den Physikunterricht. Besonders die Naturwissenschaften wurden von Lehrern der Rektoratschule an der Mädchenschule bedient. Bereits 1929 wurden die beiden Tertien in Physik sowie die Quinta und Quarta in Gesang koedukativ unterrichtet. Darüber hinaus erteilte Frl. Borgas an der Rektoratschule bereits vor der Zusammenlegung in den Knabenklasssen Deutschunterricht (3 Stunden) und Zeichenunterricht (3 Stunden). Diese Praxis hielt sich in verschiedenen Jahrgängen bis zur vollständigen Fusion beider Lehranstalten.

Die Zusammenlegung erfolgte in der Art und Weise, dass die erste Klasse als Mittelschulklasse, die übrigen Klassen als Rektoratschulklassen bzw. als Mädchenschulklassen ausliefen, wobei in "geeigneten" Fächern Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. Die bisherige Leiterin der Mädchenschule Fräulein Südhoff blieb verantwortlich für den Mädchenbereich mit der Einschränkung, dass in sämtlichen Fragen, die beide bisherigen Schule betreffen (wie z.B. Stundenplan, Schulgebäude, Unterrichtserteilung etc.) der Leiter der Rektoratschule das Sagen hatte. Die letzte reine Mädchenklasse lief im Jahr 1943 aus. Neben der ehemaligen Leiterin Fräulein Südhoff unterrichteten nun Frl. Borgas und Frl. Rosendahl als weibliche Lehrkräfte an der Rektoratschule.

Der Krieg brachte natürlich eine erhebliche Behinderung des Unterrichts mit sich. Zahlreiche Schüler der Rektoratschule wurden beispielsweise als Luftwaffenhelfer im Raum Leipzig eingesetzt und erhielten dort ihr Zeugnis.

Luftwaffenhelferzeugnis
Luftwaffenhelferzeugnis

Eine weitere enorme Beeinträchtigung des Unterricht stellte gegen Ende des Krieges der Fliegeralarm dar. Im März 1945 fielen wegen Alarm allein 61 Stunden Unterricht in einer Klasse (Klasse 4 Leitung Rose/ Borgas) aus. Die Eintragungen in den Klassenbüchern im März 1945 enden mit der lapidaren Bemerkung "Oelde von amerikanischen Truppen besetzt".

Am 3. März 1945 rückten die Amerikaner in Oelde ein. Wie überall konfiszierten sie entsprechende Räumlichkeiten zur Unterbringung ihrer Truppen. In Oelde war das u. a. die Rektoratschule, so dass der Unterricht vorerst nicht mehr weiter erteilt werden konnte. Nach den Amerikanern quartierten sich Russen und zuletzt Belgier in der Schule ein. In weiser Voraussicht hatte Rektor Roeloffzen die gesamte physikalische Sammlung, die Werkzeuge für den Werkunterricht und einen großen Teil der Lehrmittel in Sicherheit gebracht. Weiter merkt die Chronik dazu an:

"Die treue Schulnachbarin Frau Wwe. Carl Pott übernimmt das ganze Bankmaterial auf ihren Hausboden."